Humble Pie: Der Strudel des Erfolgs

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Humble Pie: Der Strudel des Erfolgs

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Im Jahr 1971, also vor 50 Jahren, sind Humble Pie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Briten, einst als eine der ersten „Supergroups“ gehypt, haben mit ihren vier Alben bewiesen, dass sie es ernst meinen, eine richtige Band sind, kein Projekt. Insbesondere ihre Live-Shows beeindrucken die Massen. Doch dann kehrt Gitarrist Peter Frampton Humble Pie den Rücken – und versetzt der Gruppe um Steve Marriott einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholt.

Es ist der 3. Juli 1971. Ein grauer Tag in London, es nieselt ununterbrochen, die Wolkendecke will und will nicht aufreißen. Doch davon lassen sich die Menschen nicht abhalten, die sich im Londoner Westend zusammenrotten und in Richtung Hyde Park marschieren. Denn dort, so verkünden es die Plakate an den Laternenmasten, gibt es heute „Pie im Park – gratis!“ Gratis Pie? Nun, Großbritannien steckt zwar gerade in einer Krise – aber ist die Lage wirklich so schlimm, dass die Leute Schlange für eine kostenlose Portion des britischen Traditionsgerichts stehen? Nein, ist es natürlich nicht. Denn der Pie, der an diesem Tag unentgeltlich serviert wird, ist keineswegs kulinarischer, sondern musikalischer Natur. Schon auf dem Weg in den Park werden die Rockfans beschallt. Wer die Oxford Street entlanggeht, kann bereits das dumpfe Dröhnen der P.A. in der Ferne hören. Wer sich der Bühne weiter nähern möchte, muss Geduld beweisen. Im Park drängen sich Zehntausende dicht an dicht, um bei größten Gratis-Open Air des Jahres dabei zu sein. Auf dem Programm steht ein (Opener-)Auftritt von Head, Hands & Feet, als Headliner sind Grand Funk Railroad gebucht. Für die Mittelposition sind Humble Pie ausersehen.

Bereits am frühen Nachmittag treffen sich alle Musiker im Park. Im provisorischen Backstage-Bereich hüpft eine Schar von Angestellten herum, die allein damit beschäftigt ist, die Band-Limousinen zu bewachen, die hinter den Wohnwagen parken, in denen die Musiker untergebracht sind. Die Stars warten derweil auf ihren Auftritt. Sänger und Rhythmusgitarrist Steve Marriott sitzt keine Sekunde still: Der 1,65 Meter große Rocker wirbelt umher und nestelt ununterbrochen an seiner violetten Schlaghose herum, die sich des Öfteren in den Schnürsenkeln seiner weißen Schuhe verfängt. Leadgitarrist Peter Frampton, den ebenfalls nichts mehr in seinem Caravan hält, ist noch auffälliger gekleidet: Er trägt einen grünen Anzug. Bassist Greg Ridley und Drummer Jerry Shirley dagegen haben sichtlich weniger Zeit vor dem Kleiderschrank verbracht – sie liegen in bequemen Klamotten auf der Wiese, rauchen einen riesigen Joint und reißen einen Witz nach dem anderen.

Während die Humble Pie-Besetzung die Zeit bis zum Showbeginn totschlägt, ist die Stimmung vor der Bühne angespannt: Eine Schar Hell’s Angels aus Südlondon mischt sich unters Volk, auch etliche Skinheads sind angereist. Doch die Zuschauer bleiben gelassen, selbst wenn die ein oder andere Bierflasche über ihre Köpfe hinwegsegelt. Auch einige Szene-Helden werden gesichtet: Alexis Korner ist gekommen, ebenso Andy Fraser von Free. Und auch etliche Mitglieder der – damals unbekannten – Sex Pistols wollen sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Es ist ein denkwürdiger Tag für den Rock’n’Roll, aber nicht nur wegen dieser Show: Jim Morrison wird in Paris tot in seiner Badewanne aufgefunden.

Doch davon bekommen die Londoner Fans nichts mit. Sie wollen feiern – und zwar insbesondere mit und wegen Humble Pie. Die haben bereits vier Studioalben veröffentlicht, das jüngste, ROCK ON, ist seit März auf dem Markt. Und jeder Teenager, der sich als Rockfan bezeichnet und diese Bezeichnung auch verdient, besitzt ein Exemplar. Im Mai haben Humble Pie zudem im New Yorker Fillmore East gespielt. Der Gig wurde für eine Liveplatte mitgeschnitten: PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE soll im Herbst erscheinen. Diese (und zahlreiche weitere) Erfahrung(en) der letzten Monate haben der Band jede Menge Selbstbewusstsein verliehen: Sie ist bestens aufeinander eingespielt und darf nun vor heimischem Publikum rocken. Das macht sich heute bemerkbar. Schon bei der Ankündigung der Band, die Grand Funk-Manager Terry Knight übernimmt, bricht ein Jubelsturm los. Die US-Headliner sind an diesem Abend chancenlos, Humble Pie siegen auf ganzer Linie: Nach ihrem Gig leert sich der Hyde Park beträchtlich.

„Wir wussten einfach, wie wir es anstellen mussten“, erklärt Schlagzeuger Jerry Shirley (59) das damalige Erfolgsrezept. „Es störte uns nicht, dass Tausende von Menschen vor der Bühne standen und uns anstarrten. Im Gegenteil, es spornte jeden von uns noch zusätzlich an. Nichts konnte Humble Pie aufhalten! Ein paar Tage vor der London-Show spielten wir in Mailand. Dort wurden wir mit Tränengas attackiert. Doch wir machten einfach weiter. Steve war der geborene Frontmann, er hatte die Leute vom ersten Takt in der Hand. Er riss einfach ein paar platte Witze, schwang die Hüften und überzeugte mit seiner unglaublichen Stimme selbst die Fans in der letzten Reihe. Ein absolutes Showtalent, der Mann. Nach unseren Auftritten hinterließen wir immer eine gewisse Leere, weil wir die Leute herausforderten und wollten, dass sie sich völlig verausgaben. Bei Festivals war das wirklich ein Problem für die Bands, die nach uns spielten…“

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